was soll ich tun?
Eine Frage, die sich der Mensch regelmässig stellt. Eine deutsche Staatsbürgerin in den Wochen vor der Bundestagswahl und ganz besonders am gestrigen Sonntag vor der Wahlurne aber wohl sehr intensiv gestellt hat.
Nachdem Bundeskanzler Olaf Scholz im November die Vertrauensfrage gestellt hat, wurde nun neu gewählt. Für alle, die die genauen Zahlen nicht im Blick haben:
CDU 28,52%, SPD 16,41%, Grüne 11,61%, AfD 20,80%, Linke 8,77%, FDP 4,33% und BSW 4,97%.
Die letzte Regierung wurde fulminant an die Wand gefahren, die Beliebtheit fast aller Spitzenpolitiker:innen aus den letzten vier Jahren ist gesunken. In einer Statistik aus dem Oktober 2024 gaben 44 Prozent der Deutschen an mit der Arbeit der Bundesregierung „gar nicht zufrieden“ zu sein, 41 Prozent gaben „weniger zufrieden“ an. Ziemlich traurig, aber auch mich trifft Politikverdrossenheit.
irgendwie unbeteiligt
Die Schweiz macht mich emotional unbeteiligter, als ich zuvor war, als ich noch in Hamburg lebte. Eine Neutralität überträgt sich auf mich, die mir neu ist. Ich blicke aus vermeintlich sicherem Abstand auf die Wahl in Deutschland. Mal schauen, was passiert, mal schauen, wie es dann weitergeht. Wer mit wem und wieso auch nicht? Es ist, als hätte das Wahlergebnis keine direkten Auswirkungen auf mich und mein Leben.
Die Konfrontation mit der deutschen Politik entsteht nur, wenn ich mich bewusst dazu entscheide. Die Menschen um mich herum regen sich nicht mehr wie selbstverständlich über Olaf Scholz auf oder hinterfragen die letzten Äusserungen von Friedrich Merz. Es ist ein anderes Land, es geht um andere Themen. Die deutsche Politik gerät zunehmend aus meinem Fokus.
Ich kann nicht mehr einfach wie in Hamburg am vergangenen Samstag mit 40.000 Menschen gegen den Rechtsruck in Deutschland auf die Strasse gehen und demonstrieren. Gut, ich hätte in Einsiedeln vor dem Zweitwohnsitz von Alice Weidel demonstrieren gehen können. Aber dass es diese Demo gab, wird mir auch erst nachträglich in die Nachrichten gespült.
Natürlich fühle ich mich nicht annähernd so unbeteiligt, wie ich schreibe. Wie ich mich allerdings fühle, ist hilflos. Und ich mag dieses Gefühl wirklich nicht. Ich mache mir nichts vor, meine per Briefwahl abgegebene Stimme entscheidet nicht die Wahl. Aber wenn ich nicht die Einzige bin, die sich so fühlt, dann hat es eben doch immense Auswirkungen.
ein Kreuz setzen
Natürlich habe ich im Vorfeld den Wahl-O-Mat gemacht und ebenso den Real-O-Mat, der die getroffenen Beschlüsse der letzten Jahre mit meiner politischen Meinung abgleicht. Mir also sagt welche Partei ich auf der bereits getroffenen Beschlusslage wählen müsste bzw. hätte wählen müssen.
Ich habe Podcasts gehört und Analysen gelesen und mir überlegt, ob für mich aus christlicher oder kirchlicher Perspektive eine Verantwortung besteht, so oder so zu wählen. Das Christ:in-Sein verpflichtet mich nicht notwendig, christ-demokratisch zu wählen.
Dass das “C” nicht unbedingt menschenfreundlich bedeutet und Werte nicht selten gegen Macht eingetauscht werden, erleben wir nicht erst seit den letzten Wochen.
In den Sozialen Medien wird gerne gespalten. Frust findet sich nicht nur in den Kommentaren, sondern auch in den Gesprächen am Küchentisch. Oder in meinem Fall in den Telefonaten mit meiner Familie.
Wenn ich mich in die Rolle der Vermittelnden begebe, bringe ich mich aus der Schusslinie. Wenn ich mich positioniere, mache ich mich angreifbar. Ich könnte auch einfach gar nichts sagen oder tun, aber das ist vermutlich auch keine wirkliche Alternative für Deutschland. Wortwitz.
nicht egal
Denn es betrifft mich natürlich doch. Meine Mutter, die erst nach 46 Jahren körperlicher Arbeit in Rente gehen kann, habe ich vor Augen. Und eine Freundin, die alleinerziehend ist und es sich nicht leisten kann mit ihrem Sohn in den Urlaub zu fahren.
Eine Freundin hat auf Instagram einen Post geteilt, dort steht: Wähle so, dass du morgen queer, migrantisch, chronisch krank, arm, alleinerziehend, behindert oder eine Frau sein könntest. Eine Art auf die Frage zu antworten: Wen betrifft, wie ich meine Stimme abgebe. Mit wem solidarisiere ich mich.
Wenn die Würde des Menschen unantastbar ist, und „sie zu achten und zu schützen die Verpflichtung aller staatlicher Gewalt“, dann sollte durch die demokratisch gewählte Regierung eines Landes der Bevölkerung ein würdevolles Leben ermöglicht werden. Das ist für mich persönlich das Mindestmass.
gemischte Gefühle
Und dann ist das Wahlergebnis wie erwartet irgendwie deutlich und doch wieder nicht. Keine grossen Überraschungen, Ergebnisse die ungefähr zu erwarten waren. Und trotzdem bleibt bei mir das Gefühl zurück, dass meine gemischten Gefühle hinsichtlich des Wahlausgangs ein individueller Ausdruck dessen sind, was sich auf parteipolitischer Ebene in Berlin abspielt.
Obwohl ich mein Kreuz mit Überzeugung setze, sind die Wege zu einer erfolgsversprechenden Regierung wenig aussichtsreich. Besonders im Kontext einer freundlich gesagt angespannten globalpolitischen Grosswetterlage.
Die neue Regierung steht unter einem enormen Druck, den man sich zuvor kaum ausmalen konnte: ohne “transatlantische Freundschaft” und mit Elon Musk, Donald Trump und Putin im Nacken. Und mit erstarkenden rechtskonservativen Kräften, nicht nur bei den umliegenden Nachbarn sondern auch innerhalb der Nation.
Die kleineren Parteien, die FDP und das BSW (Bündnis Sarah Wagneknecht, erstmals an der Bundestagswahl beteiligt) haben die 5-Prozent Hürde nicht geschafft. Dadurch kann die CDU nun ein Zweierbündnis mit der SPD versuchen. Die Jüngeren haben überraschend viel die Linke gewählt, immerhin dort wusste man was zu tun ist, nämlich erstmal feiern.
Noch fühlt es sich für mich nicht nach einer guten Wahl an. Die kommende Zeit ist voller Fragezeichen, auch für mich als nun scheinbar unbeteiligte Beobachterin in der (noch?) neutralen Schweiz.
Die Zahlen sind aus dem aktuellen Wahlergebnis, veröffentlicht auf Tagesschau.de.
Zu dem Vorstoss Friedrich Merz und dem vermeintlichen Brandbrief der Kirchen von Johann Hinrich Claussen.
Foto: Christian Lue @unsplash
2 Gedanken zu „Ich und die Wahl: Kommentar einer Unbeteiligten“
Da ich selber zwar kein Deutscher bin, aber über 2 Jahre in Deutschland studiert und gelebt habe und einige deutsche Bekannte und Freunde habe, erlaube ich mir hier, meine Gednken zur gegenwärtigen Situation zu teilen; ich denke das Ganze beginnt spätestens bei der „Wiedervereinigung“: in vielen Kreisen hoch bejubelt wurde sie gerade auch in der Schweiz kritisch beäugt: geht das nicht alles jetzt plötzlich gar sehr schnell? Will Kohl da vielleicht einfach noch was durchdrücken? Et aditur altera pars: ich habe später in Berlin einen ehemaligen Oberst der NVA kennengelernt, der nach der Wende quasi als Feind der BDR gebrandmarkt wurde und alles verlor; vieler seiner Kameraden und ehemaligen Beamten der DDR ging es nach seiner Meinung gleich: er fand, das seie reine Siegerjustiz. Ich habe Bekannte in Thüringen: die fühlen sich „kolonialisiert“; ihre Gesundheitsversorgung ist beinahe zusammengebrochen; es gab weithin kaum Ärzte; die Westler kauften alles auf… der Osten war auf der ganze Breite „besiegt“- so meine Bekannten. Man hat diesen neuen „Bundesbürgern“ nie richtig zugehört. Ich denke, die jetzigen Wahlergebnisse zeigen diese grosse Unzufriedenheit auf: es wurde vielleicht gerade im Osten nicht eine Alternative für Deutschland sondern eine Alternative gegen die BRD und ihrer Politik gewählt… Sicherlich muss man jetzt miteinander „reden“: aber gerade der privilegierte Westen sollte wohl auch zuhören und die Sorgen der Menschen ernst nehmen. Das Rechtspopulisten dabei Aufwind bekommen ist sehr gefährlich: dem kann man wohl nur im Diskurs gegen wehren- einem Diskurs, der die Mensch ernst nimmt
Liebe Janna, herzlichen Dank für deinen berührenden Text und ich danke auch, dir Roland für den Hinweis auf das Empfinden der Ostdeutschen. Als Ostdeutsche, die inzwischen seit 22 Jahren in der Schweiz lebt, empfand ich noch stärker als Janna eine grosse Ferne zur deutschen Politik. Ich habe immer mitgewählt als Auslandsdeutsche, denn im Wissen, dass so viele 1989 auf die Strasse gegangen sind für das Recht frei wählen zu dürfen, empfinde ich die Pflicht zu Wählen und meine Stimme abzugeben als enorm wichtig. Allerdings hatte ich nach der Wahl 2021 den Eindruck, dass ich nun aufhören könne in Deutschland zu wählen, denn ich fühlte mich viel zu wenig informiert über die deutsche Politik, wusste nicht einmal alle Namen in der Regierung in Berlin und konnte auch von der Schweiz aus kaum einschätzen, wie denn nun wirklich die Regierungsarbeit zu bewerten ist. Aber natürlich war klar, bei dieser Wahl geht es um jede Stimme. Wenn ich die Grafik der Wahlergebnisse sehe, auf der Westdeutschland schwarz und Ostdeutschland blau ist, dann befällt mich aber mehr als Unruhe, sondern auch eine grosse Scham. Denn ja, Ostdeutschland wurde nach dem Empfinden der meisten Ostdeutschen irgendwie aufgekauft und abgewickelt seit 1990, viele sehen sich als Wendeverlierer (übrigens haben Studien gut gezeigt, dass eine ostdeutsche Identität zu DDR-Zeiten nie existiert hat, sondern eben in den 90er-Jahren durch das Gefühl weniger wert zu sein als Westdeutsche entstanden ist.) Aber ich glaube die Faktoren für die grosse Zustimmung zur AfD (ich möchte bald sagen leider nicht nur im Osten) sind noch an vielen anderen Stellen zu suchen und über ein “endlich Zuhören” sind wir wohl längst hinaus. Das hätte es spätestens in den 00-Jahren gebraucht, wo das ja auch von der 3. Generation Ost gefordert wurde. Für eine Feinanalyse ist die Kommentarspalte wohl kaum angemessen. Aber ich versuche einfach die Hoffnungszeichen aufzunehmen, von den vielen Menschen, die auf die Strasse gegangen sind und gehen in Deutschland, von den Kirchen, die dezidiert und klar Stellungnehmen zu politischen Abstimmungen und auch deutlich sagen, dass rechtsvölkisches Gedankengut nicht vereinbar ist mit Christ:in-Sein.