Das Vaterunser ist wohl das bekannteste Gebet der Welt. Doch die Zeilen, mit denen wir es heute beenden, stammen nicht auf dem ursprünglichen Bibeltext.
Stattdessen endet das Gebet bei Jesus mit «Erlöse uns von dem Bösen» (Matthäus 6) oder sogar noch früher bei Lukas 11: Da ist schon nach «Führe uns nicht in Versuchung» Schluss.
Und dann? Kein feierlicher Abschluss, kein Amen, einfach weiter im Text.
Und schon gar kein «Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.»
Woher kommt der Schluss des Vaterunsers?
Damals war es üblich, Gebete mit einem Lobpreis Gottes abzuschliessen. Das war die gängige jüdische Praxis für Gemeindegebete.
Theologisch nennt man das eine «Doxologie» – von Griechisch «doxa», was Herrlichkeit bedeutet, und «lego», sprechen. Also «von der Herrlichkeit (Gottes) sprechen».
Die älteste bekannte Version des Schlusses, den wir heute beten, stammt aus der sogenannten «Didache», einer frühchristlichen Schrift aus dem ersten Jahrhundert.
Aber dieser Schluss wurde nicht frei hinzugedichtet.
Er stammt fast wortwörtlich aus 1. Chronik 29,11, also aus dem Alten Testament:
«Dein, JHWH, ist die Grösse und die Macht und die Herrlichkeit und der Ruhm und die Hoheit. Denn alles im Himmel und auf Erden ist dein. Dein, JHWH, ist das Reich, und du bist der, der erhaben ist über alles als Haupt.»
Die frühen Christ:innen haben diesen Vers aufgegriffen und als würdigen Abschluss für das Gebet von Jesus empfunden.
Kein blosses Anhängsel, sondern der Schlüssel
Manchmal wirkt der Schluss des «Unser Vater»-Gebets wie ein Anhängsel. In der Kirche wird er oft mechanisch heruntergeleiert, als wäre er nicht mehr als eine höfliche Grussformel oder eine Verzierung zum Schluss.
Doch das verkennt die Bedeutung dieser Zeilen.
Es ist nicht nur ein feierlicher Abschluss – die Worte geben dem Gebet seinen Rahmen.
Es beginnt mit «Unser Vater» – einer intimen, vertrauensvollen Anrede. Und am Ende wird noch einmal betont, wer dieser Gott ist: Er ist derjenige, dem das Reich, die Kraft und die Herrlichkeit gehören.
Das kleine Wort «denn» zu Beginn dieser Zeile macht es deutlich: Man betet, weil Gott es würdig ist, angebetet zu werden. Weil Gott vertrauenswürdig ist und mehr überblickt als ich als Mensch. Weil Gott die Realität ist, in der die betenden Personen geborgen sind.
Herrlichkeit, Macht – und der Bruch mit der Dominanz
Die Begriffe «Herrlichkeit» und «Macht» rufen Bilder von Königen mit prächtigen Gewändern und funkelnden Kronen hervor. Lange Zeit wurde Gott in genau diesem Bild verehrt.
Doch diese Begriffe können auch problematisch sein – sie stehen auch für Dominanz, und Macht kann missbraucht werden.
Manche modernen Übersetzungen ersetzen sie deshalb mit «Zärtlichkeit» oder «Fülle».
Aber ist das nötig?
Ich finde, nicht, denn die Bibel selbst bricht mit dem herkömmlichen Machtverständnis. Der «König» der Christ:innen ist Jesus: Als er vor seinem Tod gefoltert wurde, wurde er von den Soldaten spöttisch als «König der Juden» gegrüsst.
Ein Schild wurde ans Kreuz genagelt, auf dem dasselbe stand. Auf vielen Gemälden und Darstellungen in Kirchen sieht man dieses Schild mit der Abkürzung «I. N. R. I.» für die lateinischen Worte «Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum».
Eine spöttische Geste. Ein König nach den üblichen Massstäben hätte eine Armee, die ihn verteidigt. Doch Jesus war anders. Er regierte nicht durch Gewalt, sondern durch Liebe und Hingabe.
Wer Gott ist, zeigt auch, wer ich bin
Genau dieser Kontrast entfaltet bis heute die grössere Wirkung, als es jede andere Form von Macht und Dominanz könnte.
Die ersten Christ:innen beteten einen König an, der seine Macht gerade darin zeigte, dass er sich für andere hingab. Indem er dies freiwillig und aus Liebe tat.
Die Herrlichkeit, die im «Unser Vater» bekannt wird, ist die Kraft dieser Liebe, die sogar den Tod überwindet und neues Leben ermöglicht.
Deshalb ist das Ende des «Unser Vater»-Gebets so bedeutend. Es erinnert daran, wer Gott ist.
Damit macht es auch klar, wer die Personen, die beten, im Verhältnis zu ihm sind: Menschen, nicht Gott. Wenn die Macht und Kraft in Ewigkeit bei Gott ist, dann ist sie nicht bei mir.
Ich habe nicht alles unter Kontrolle, und dies bewusst abzugeben und loszulassen, ist gut.
Das Amen am Ende bekräftigt das Gesagte: Es bedeutet «So sei es.»
Das bekannteste christliche Gebet: «Unser Vater» oder «Vaterunser». In dieser Staffel von «Unter freiem Himmel» gehen wir es Zeile für Zeile durch: Was steht da genau, was sind unterschiedliche Interpretationen und was bedeutet es für uns, heute? Alle bereits erschienenen Beiträge sind unten verlinkt.